GUITARTICLE: Die Manzanita HiRo "Weissenborn"-Slide-Gitarre...

„Manzanita“ - das riecht nach Sonne, Wüste, Kakteen, Mexican Border, Tequilla - und ist doch nur der Name einer kleinen Gitarren-Firma in Niedersachsen. Doch der Name klingt, und die Instrumente auch!

Manzanita HiRo
Manzanita HiRo

Manzanita - das ist Manfred Pietrzok, eine One-Man-Solo-Show rund um die Akustikgitarre. Maßgeblich von amerikanischer Gitarrenkultur beeinflußt, und das nicht nur audiophil, sondern auch, was seinen Gitarrenbaustil betrifft. Neben Gitarren im traditionellen Stil fühlt sich Pietrzok besonders den Slide-Gitarren verbunden, denn laut Firmeninfo kann „keine andere Gitarre so eindringlich Emotionen und Gefühle ausdrücken“. Und so findet sich in seinem relativ kleinen Programm eine ungewöhnlich hohe Anzahl verschiedenster Slide-Instrumente, angefangen von reinen Lapsteel- bis hin zu Weissenborn-ähnlichen Instrumenten, bei denen allerdings - anders als bei ihren „normalen“ Gitarren - nicht US-Firmen Paten standen, sondern mehr Platz für eigene Ideen und Wünsche der Musiker vorhanden scheinen.

Bestes Beispiel: Das Modell „HiRo“, das eine Mischung aus einer akustischen Gitarre á la Weissenborn und einer Resonator-Gitarre darstellt. Der auf den ersten Blick japanisch klingende Name HiRo bezeichnet das Konzept dieser Gitarre: „Hi“ steht für Hilo, eine Weissenborn-ähnliche Hawaii-Gitarre aus den 30er Jahren, während „Ro“ darauf hinweist, daß diese Gitarre mit einem Resonator ausgestattet ist.

 

Diese Art der Slide-Gitarre ist relativ neu in unseren Landen. Dabei wurde ihr Erfinder, Hermann Weissenborn, wie viele andere große Gitarrenbauer auch in Deutschland geboren und wanderte Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika aus. Bis zum Ende der 30er Jahre baute er dort seine Weissenborn-Gitarren, die in der Hochkonjunktur der Hawaii-Musik beachtliche Umsätze erzielen konnten. Das besondere dieser Gitarren war nicht nur ihr Ton, sondern auch die Spielhaltung: die Gitarre wurde nach der Art hawaiianischer Volksmusiker auf die Oberschenkel gelegt und mit einem  „Slide-Bar“, einem Stück Metall, gespielt, wobei die Saiten gut 1 cm über den gesamten Bereich des Griffbrettes verlaufen. Außerdem, und das ist das eigentlich Interessante einer Weissenborn-Gitarre, besitzt sie einen sog. „hollow neck“, einen recht dicken Hals, der innen hohl ist und als zusätzlicher Resonanzraum dient. Dies erhöht natürlich die Lautstärke des Instrumentes, was damals, als es weder elektrische Gitarren noch Verstärker gab, ein gewichtiges Argument für die Qualität und Popularität eines Instrumentes war.

Korpus und Hals der Manzanita HiRo bestehen aus dunkel gebeiztem, massivem Riegelahorn und ist mit resonanzfreundlichem Nitrolack versiegelt. Decke, Boden und Hals sind mit einem schön alt aussehenden gelblichen Kunststoff-Binding eingefaßt. Das aufgeleimte Griffbrett ist aus Ebenholz gefertigt, runde Perlmutteinlagen an den üblichen Stellen sowie bundähnliche Einlagen helfen bei der Intonation.

Die Saiten der HiRo werden von einer speziellen Saitenhalterung, die im Resonatorbau häufig verwendet wird, gehalten und laufen über die tradtionelle Spider-Bridge, eine spinnenartige Verstrebung über dem Resonator, auf der eine Art Holzsteg die Vibrationen der Saiten aufnimmt und via Spiderbridge an den Resonator abgibt. Die Saiten verlaufen dann über den hohen Holz-Sattel hin zur Kopfplatte, die für ein Weissenborn-ähnliches Instrument etwas ungewöhnlich aussieht. Sie erinnert in ihrer sich nach oben verbreiternden Form ein wenig an die Kopfplatten der Martin Gitarren, während die originalen Weissenborn-Instrumente nach oben verjüngende Kopfplatten hatten.

Als Resonator wird ein Modell des US-Herstellers Quarterman verwendet, der neun verschiedene Typen in seinem Programm hat. Manzanita entschied sich für Typ 1, ein typischer Bluegrass-Resonator, der von führenden Dobro-Spielern benutzt wird. Alle Chrom-Parts, also die „coverplate“ (Abdeckung des Resonators), die Saitenhalterung und die „soundhole screens“ (die sog. „Teesiebe“ über den beiden Schallöchern links und recht neben dem Griffbrettende) stammen aus der Fertigung von Tut Taylor, einem in den USA bekannten Resonator-Spieler und -Bauer. Manzanita schwört auf die Qualität der Verchromung dieser Teile und bietet sie gegen Aufpreis an ihren Gitarren an. Ansonsten wird, wie bei anderen Resonator-Herstellern auch, amerikanische bzw. japanische Standardware verwendet.

Da der große Resonator den Platz für ein größeres Schalloch vollständig einnimmt, übernehmen in bester Dobro-Manier die beiden kleinen mit den o.e. „Teesieben“ abgedeckten Schallöcher diese Funktion.

 

Diese HiRo ist mit zwei Tonabnehmern ausgestattet, deren Installation aufpreispflichtig ist. Zum einen sitzt am Halsende ein magnetischer Pickup des amerikanischen Herstellers Sunrise (alternativ: EMG ACS), zum anderen befindet unter der Spider-Bridge ein McIntyre Piezo-Pickup. Das Signal wird über eine Stereo-Klinkenbuchse, die sich an der hinteren, unteren Zarge befindet, herausgeführt. Über ein Y-Kabel können dann bspw. beide Tonabnehmersignale getrennt heraus geführt werden. In vielen Fällen ist die Verwendung eines Vorverstärkers sinnvoll. Zum einen, um einen amtlichen Pegel zu erhalten, der eine porfessionelle Weiterverarbeitung an Mischpulten etc garantiert, zum anderen aber auch, um die beiden Pickups schon in dieser Verstärkungsstufe aufeinander abstimmen und dann, fertig gemischt, weitergeben zu können. Letzeres bietet sich besonders in Live-Situationen an.

Da Pietrzok mit den auf dem Markt erhältlichen Preamps nicht einverstanden waren, haben sie selbst einen Preamp entwickelt, den sie nun in ihrem Zubehörprogramm anbieten. Dieser Vorverstärker steckt in einem robusten Metallgehäuse, wird von einer 9-V-Batterie betrieben und bietet eine getrennte Volumenregelung für den magnetischen und den piezokeramischen Tonabnehmer. Der magnetische Pickup kann zudem noch im Klang verändert werden. Die Signale beider Pickups können nun entweder getrennt oder zusammen „zur weiteren Verwendung“ herausgeführt werden.

 

Der HiRo lassen sich tatsächlich sehr authentische Sounds entlocken. Im rein akustischen Klangbild dominiert eindeutig der Klang des Metalls, die HiRo hört sich dabei nach einer Resonator-Gitarre der Größe XXXL an. Sie ist deutlich lauter als eine normale "Dobro" ausgeliehen hatte, und ungleich fester im Ton. Eine Dobro klingt feiner und singender, während die HiRo dank iher massiven, harten Hölzer einen fast schon banjoähnlichen Attack aufweist - und das alles in ungewohnter Lautstärke und Klangfülle, denn auch die lange Mensur der HiRo darf als klangbestimmender Faktor nicht vergessen werden. Wird nun die HiRo an ein Soundsystem angeschlossen, können die Lautstärken beider Soundquellen bzw. Ihrer Tonabnehmer aneinander angeglichen werden. Unzählige Mischsounds sind nun möglich, bei denen dann auch der Holzsound der Gitarre einen gewichtigen Anteil am Gesamtsound beiträgt. Das reicht vom leichten „Anwärmen“ des Resonatorklanges bis hin zu reinen Gitarrenklängen, denen nur des Glanzes willen ein wenig Resonatorklang hinzugemischt wird. Beeindruckend auch hier die ungeheure Klangfülle des Instrumentes, die fast wie ein ganzes Gitarren- und Resonator-Orchester klingt!

Der Sunrise wird seinem ausgezeichneten Ruf gerecht und überträgt den akustischen Klang der HiRo voll und warm. Laut Manzanita wird mit dem neuen EMG ACS-Pickup ein ähnlicher Sound erreicht, und der ist bekanntlich günstiger und leichter zu bekommen.

Der Preamp verrichtet seine Funktion ausgezeichnet, ist sehr nebengeräuscharm und - einfach sehr praktisch, denn er erlaubt während des Spielens, oder zwischen zwei Stücken z.B. einen schnellen Zugriff auf den Sound.

 

Es wird höchste Zeit, daß dieser Gitarrentyp die Anerkennung und Begeisterung, die sie in den USA seit einigen Jahren erfahren, auch bei uns erlangen. Die Manzanita HiRo ist das richtige Instrument, das diese Begeisterung fördern kann - oder sollen die drei von der Manzanita-Klangstelle etwa auch nach USA auswandern, um dort ihr Glück zu machen? Die Klangfülle und Lautstärke der HiRo sind beeindruckend und ihr Sound, der akustisch vom Resonator dominiert wird, stellt für jeden Bluegrasser oder Country-Picker ein Optimum an Sound dar. Elektrisch verstärkt öffnet sich die HiRo auch anderen Musikwelten, der nun einstellbare größere Holzanteil am Gesamtsound erinnert nun auch an Blues und Weltmusik - und Paris/Texas ist plötzlich gar nicht mehr so weit von Osnabrück entfernt.

 

Daten

Hersteller: Manzanita

Modell: Style HR „HiRo“

Made in: Germany

Mensur: 635 (mm)

Hals u. Korpus: Massives Riegelahorn, Ebenholz-Griffbrett

Tonabnehmer: Sunrise (magnetisch) und McIntyre (Piezo), über Stereobuchse getrennt herausführbar (Monobetrieb möglich)

Steg: Spider-Bridge plus Holzsteg über Resonator

Hardware: verchromt

Mechaniken: Gotoh, geschlossen

Kontakt: www.manzanita.de

 

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