GUITARTICLE: Über Fender Vintage Serien

Ein Blick auf die Fender-Historie beweist, dass die verschiedenen Vintage-Reissue-Serien des Herstellers eine weitaus größere Bedeutung für die erfolgreiche Company hatten, als nur eine neue Serie im großen Fender-Katalog darzustellen. Beamen wir uns einmal 34 Jahre zurück. 

1980 bestand das Fender-Programm aus zehn verschiedenen E-Gitarren – Telecaster, Telecaster Custom, Telecaster Deluxe, Stratocaster, Starcaster, Mustang, Musicmaster, Lead, Jazzmaster und Bronco. Die Verarbeitungsqualität war über die Jahre in den Keller gefahren worden, und CBS engagierte 1981 u. a. Bill Schultz, Roger Balmer und Dan Smith, um die Produktion auf einen besseren Stand zu bringen. Eine der Ideen dieser neuen Leute war, sich selbst zu kopieren – und einfach die Gitarren nachzubauen, für die Musiker und Sammler auf der ganzen Welt bereit waren, hohe Summen zu zahlen. Seit 1980 hatte Freddie Tavares, noch ein Fender-Mitarbeiter aus den alten Tagen, bereits an dem Konzept einer Vintage-Neuauflage der ’52 Telecaster gearbeitet – ein erster Prototyp war 1981 auf der Summer-NAMM-Show gezeigt worden. Dan Smith, der einen Monat nach dieser NAMM-Show seine Arbeit bei Fender aufnahm, beschreibt diese Gitarre so: „Diese sogenannte ’52 Telecaster hatte eine Polyester-Lackierung und neben einer unkorrekten Korpusform etliche andere Features, die aber auch gar nichts mit dem Original zu tun hatten.“ Folgerichtig ging diese erste Vintage Reissue nicht in Produktion; erst nach intensivem Research & Development hatte man das Konzept für perfekte ’52 Telecaster, ’57 und ’62 Stratocaster-Neuauflagen fertig und wollte diese Gitarren 1982 produzieren – und zwar parallel von Fender USA und der neu gegründeten Tochterfirma Fender Japan, die nur den japanischen Markt beliefern sollte!

1952 USA Vintage Telecaster
1952 USA Vintage Telecaster

Doch während in Japan bei Fujigen, wo die Fender-Gitarren gebaut wurden, bereits auf Hochtouren an den neuen, alten Gitarren gearbeitet wurde, kam das amerikanische Werk, das an strukturellen Mängeln in der Produktion litt, längst nicht so schnell und reibungslos in die Gänge. So kam es, dass noch bevor die amerikanische Produktion überhaupt gestartet war, die Fender-Verantwortlichen in den USA die ersten Reissue-Modelle aus Japan erhielten – und tief beeindruckt von der dort gebotenen Qualität waren! Als dies innerhalb des Fender-Netzwerks die Runde machte, forderten die europäischen Vertriebspartner Fender USA mit deutlichen Worten auf, diese günstigen, japanischen Vintage-Neuauflagen auf den westlichen Markt zu bringen, um auch hier gegen die günstigen Gitarren anderer Japan-Hersteller konkurrieren zu können. Europa wurde erhört, und Fender Japan baute nun 1982 für die europäischen Fender-Vertriebe günstige Tele- und Strat-Reissue-Modelle, die anfangs in ihrem Logo ein kleines „Squier Series“, später dann das große Squier trugen. Und damit war die Gitarren-Marke Squier geboren, die wie eine Bombe auf dem Markt einschlug!

 

Squier Japan Telecaster
Squier Japan Telecaster

In den USA war Ende 1983 die Produktion immer noch nicht auf Touren, sodass Schultz, Smith & Co. entschieden, dass Fender Japan nun auch für den amerikanischen Markt liefern sollte. Sie orderten von Fujigen nun Tele- und Stratocasters im 70er-Jahre-Stil. Die japanische Produktion erhielt Fender in diesen Tagen regelrecht am Leben, und erst recht dann, als 1985 CBS die Firma für 12,5 Millionen Dollar an eine Investorengruppe um Bill Schultz verkaufte. Denn die Fabrik in Fullerton gehörte nicht zu dem Deal, was bedeutete, dass die amerikanische Produktion im Februar 1985 gestoppt werden musste, bis eine neue Produktionsstätte gefunden und eingerichtet worden war. Jede Gitarre, die der Fender-Katalog von 1985 zeigte, stammte aus Japan, mehr als 80 % aller Gitarren, die Fender USA von Ende 1984 bis Mitte 1986 verkaufte, waren japanischen Ursprungs!

Reissue-Programm von Fender Japan, Teil 1
Reissue-Programm von Fender Japan, Teil 1
Reissue-Programm von Fender Japan, Teil 2
Reissue-Programm von Fender Japan, Teil 2

Parallel hatten Schultz und seine Männer eine neue Fabrik in Corona auf die Beine gestellt und begannen Ende 1985, dort wieder zu produzieren. Und die ersten Gitarren, die dort „vom Band liefen“ waren ... American-Vintage-Modelle, und zwar „weniger als zehn Stück am Tag,“ wie sich Dan Smith erinnert. „Wir hatten immer noch Fujigen in der Hinterhand, die ca. 10.000 Instrumente im Monat für uns bauten, und wir dachten damals, das könnte eigentlich immer so weitergehen. Aber als der Dollar schwach und der Yen stark wurde, änderte sich alles ...“ Ende 1986 war der Dollar gegenüber dem Yen tatsächlich nur doch die Hälfte von dem wert, was er 1984 wert gewesen war; somit waren die japanischen Gitarren zu teuer für den westlichen Markt. Fender verlegte die Squier-Produktion nach Korea, später dann nach China – aber das ist eine andere Geschichte.


Squier Electrics, von Tony Bacon
Squier Electrics, von Tony Bacon

TIPP

 

Wer mehr über die Marke Squier wissen will, dem sei dieses Buch empfohlen: "SQUIER ELECTRICS - 30 Years of Fender´s Budget Brand" von Tony Bacon.

 

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Die Vintage-Reissue-Modelle stellten, sowohl was die Produktion in Japan als auch die in USA angeht, jeweils den Anfang einer neue Ära des Herstellers dar. Sie waren 1982 die ersten Fender-Instrumente, die in Fernost gebaut wurden, sie legten damit den Grundstein für das internationale Engagement des Herstellers, der heute längst in mehreren Ländern produziert. Und sie stellten 1986 den Beginn der neuen Fender-Ära dar, die den dunklen CBS-Jahren nachfolgte und die die Ausgangsbasis für die erfolgreichen, wirtschaftlichen Höhenflüge war, von denen die Verantwortlichen damals nur träumen konnten.

 

 

Aktuelle American Vintage Serie
Aktuelle American Vintage Serie

Heute hat Fender sein Angebot an Vintage-Reissue-Modellen sehr ausgefeilt stukturiert. Es passt sich nicht nur den unterschiedlichsten Geldbeuteln an, sondern ist längt das wichtigste Standbein in den jeweiligen Fender-Produktionsstätten. Die günstigste Schiene wird von der hauptsächlich in China gebauten Squier-Classic-Vibe-Serie bedient, während in Mexiko die Classic-Serie hergestellt wird. In den USA, immer noch in Corona, baut man die American Vintage Serie, und der Custom Shop bietet in seiner Time-Machine-Serie sogar drei verschieden stark gealterte Varianten an: NOS (new old stock), Closet Classic und Relic.

Custom Shop Vintage Relic Stratocaster
Custom Shop Vintage Relic Stratocaster

FAZIT

Mit seinen Vintage-Reissue-Serien hat Fender das seltene Kunststück geschafft, das Pferd von hinten aufzuzäumen und es dennoch erfolgreich nach vorne durchstarten zu lassen.


Kommentare: 4 (Diskussion geschlossen)
  • #4

    Heinz (Mittwoch, 01 Januar 2014 14:38)

    Danke für die Info! Könntest Du mir diesen Katalog mal scannen oder fotografieren? Fender Japan hat immer interessante Sachen gebaut, insbesondere die, die nur in Japan rausgekommen sind. Dir auch ein Gutes Neues Jahr!

  • #3

    Jazzmaster-Freak (Mittwoch, 01 Januar 2014 11:34)

    Hi Heinz! Ich habe noch einen alten Fender Falt-Katalog von den Fender Japan-Modellen aus den späten 80er Jahren - da boten die Fender-Jungs unter dem Namen "Collectibles" eine Vielzahl von hochinteressanten Modellen in den ausgefallensten Lackierungen und Ausfertigungen an. Danach würde man sich heute die Finger lecken ... Und die Teile klingen darüber hinaus auch noch richtig gut! Echt schade drum ... Gutes Jahr 2014!

  • #2

    Heinz (Montag, 30 Dezember 2013 10:23)

    Das stimmt, gut beobachtet! Allerdings wurde der Bass nicht als Teil einer Vintage-Serie raus gebracht, sondern als "neues" Modell.

  • #1

    rolle (Samstag, 28 Dezember 2013 19:18)

    übrigens, das allererste "Vintage-Reissue"-Modell von Fender stammt aus dem Jahr 1968: der Telecaster Bass!