GUITARTICLE: Fender Kingman - eine ungewöhnliche Gitarre mit einer ungewöhnlichen Geschichte

Nicht jede Fender-Gitarre aus den 1960er Jahre ist automatisch eine begehrte Koryphäe der Gitarrenhistorie. Selbst wenn der bekannteste Rock´n´Roll-Sänger aller Zeiten als Assoziationsfigur mit ins Spiel gebracht wird, garantiert das weder reißenden Absatz noch steigernden Wert auf dem Vintage-Markt. Diese Fender Kingman aus dem Jahr 1966 ist der lebende Beweis für diese These.

The King und seine Kingman
The King und seine Kingman

Darf ich also vorstellen? Die am wenigsten erfolgreichen Gitarren der ansonsten so erfolgreichen Fender-Familie? Bitteschön – die Fender-Akustikgitarren, repräsentiert durch eine Kingman aus dem Jahr 1966.

 

ALLES ROGER

Die Geschichte der Fender Akustikgitarren ist von einer Deutsch-amerikanischen Verbindung geprägt. Denn Fender hatte sich die Dienste eines deutschen Gitarrenbauers gesichert, um ihre Akustikgitarren-Linie zu entwickeln. Ob Fender ihn 1962 vom Konkurrenten Rickenbacker abwarb, oder ob Roger Rossmeisl selbst bei Fender vorstellig wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Leo Fender jedenfalls hatte damals schon länger der Sinn nach eigenen Akustikgitarren gestanden – und nun hatte er in Roger Rossmeisl einen Gitarrenbauer gefunden, der ähnlich visionär und radikal dachte wie er selbst. Für die neuen Fender-Akustiks übertrug Rossmeisl einige Eigenschaften von E-Gitarren auf die Akustikgitarre, z. B. die Verschraubung des Halses mit dem Korpus. Der Hals selbst entsprach im Profil und Look einem E-Gitarrenhals, war also deutlich schmaler und dünner als ein Akustikgitarrenhals dieser Tage. Außerdem besaß er keinen Halsfuß, sodass man ohne Probleme bis in die höchsten Lagen wandern konnte, ohne irgendwo anzustoßen. Und dann war da ja noch die Kopfplatte – im typischen Fender-E-Gitarren-Design mit den einseitig angeordneten Mechaniken gehalten. Außerdem besaß der Steg sechs einzeln einstellbare Saitenreiter aus Metall! Dies alles waren rebellische Verstöße gegen den traditionellen Akustikgitarrenbau und gleichzeitig ein deutliches Ausrufezeichen, an das sich die eher traditionell ausgerichtete Akustikgitarrenwelt von damals erst einmal gewöhnen musste!

Kingman von 1966
Kingman von 1966

Mit vier unterschiedlich großen Modellen schritt man 1963 auf den Markt: King, Concert, Classic und Folk. Als sich die ersten 100 bis 200 Modelle als zu instabil erwiesen, insbesondere was die Halsverbindung und den Saitenzug auf die Decke anging, baute Rossmeisl einen Aluminium-Stab in den Korpus, der Hals- mit Endklotz verband und so die Gitarre stabilisierte. Fender nannte diesen Stab Tonebar, doch schnell hatte er seinen Spitznamen weg: Broomstick, also Besenstiel. Die King war das größte Modell, ihr Korpus entsprach in in etwa Martins D-Modellen und ihr Name war damals keineswegs eine Hommage an Elvis Presley. Sie war schlicht das Top-of-the-line-Modell, mit massiver Fichtendecke, schickem Herringbone-Binding und einem Korpus, der wahlweise aus massivem Rio- oder Inder-Palisander, Zebrano oder Vermillion (Paduak) gebaut war.

1966 – und jetzt kommt unsere Gitarre ins Spiel – wurde der Name von King in Kingman abgeändert und zu allem Überfluss verschiedene Lackierungen wie Sunburst, Antigua, Schwarz und diverse Custom-Colors angeboten. Außerdem erweiterte man die Serie: Shenandoah, Malibu, Villager und Newporter kamen 1966 hinzu, zwei Jahre später dann noch Palomino und Redondo. Rossmeisl lernte in dieser Zeit zudem einen dänischen Erfinder kennen, der einen Weg gefunden hatte, Beize in die Wurzeln eines wachsenden Beechwood zu injizieren. Als Folge war das Kernholz der Bäume bereits vor dem Einschlag spektakulär gefärbt. Aus diesem so genannten Wildwood wurden etliche Kingman-, aber auch semiakustische Coronado-Modelle gebaut.

Die Halsplatte - stilecht als Krone ausgeführt :-)
Die Halsplatte - stilecht als Krone ausgeführt :-)

ELVIS

Elvis Presley, der eher mit Martin-Gitarren in Verbindung gebracht wird, ließ es sich z. B. in dem Film ‚Clambake’ eine Wildwood-Kingman reichen. Der King spielt die Kingman, das liegt ja eigentlich  nahe! Auch Johnny Cash, ebenfalls ein Martin-Spieler, wurde damals mit einer natürlich schwarz lackierten Kingman abgelichtet.

 

Dennoch waren die Fender-Akustiks alles andere als ein Erfolg; und wenn man sich die Firmenliteratur von damals ansieht, wird man das Gefühl nicht los, dass sie von Anfang an recht halbherzig präsentiert wurden. Ganz anders z. B. als das Fender Rhodes Piano, das ebenfalls 1963 auf dem Markt erschien, aber schon in kurzer Zeit ein Mega-Seller wurde. Vielleicht waren die neuen Akustikgitarren in ihrer Erscheinung auch zu radikal? Vielleicht war die Zeit auch eine andere als z. B. 1952, als Leo Fender mit seiner Brettgitarre Telecaster den damals noch biederen Markt überraschen konnte? Das Klientel für Akustikgitarren Mitte der 1960er Jahre bestand in der Hauptsache aus folkig orientierten Hippie-Musikern, die keine Akustikgitarren mit einem aufgeschraubten E-Gitarrenhals, sondern richtige, traditionell gebaute Instrumente bevorzugten.

Statt Rebellion eben softe Flower Power mit traditionellen Werten. Dabei war der Klang dieser Fender-Instrumente durchaus gut, wenn auch eigen und nicht mit bekannten Martin- oder Gibson-Sounds zu vergleichen. Sehr transparent mit einem wunderbar singenden Charakter, einem sehr langen Sustain (wie ein eingebauter Compressor!) und einem aufgeräumten Bassbereich. Die Kingman – und diese hier hat das schon ein paar Mal bewiesen – ist eine Gitarre, die sich z. B. im Studio wunderbar aufnehmen lässt!

Viel Klamauk im Film "Clambake", in dem Elvis die Kingman intonierte.
Viel Klamauk im Film "Clambake", in dem Elvis die Kingman intonierte.

Doch war damals schon die Reaktion der Musiker verhalten, so ist auch heute kaum ein Vintage-Fan an diesen Fender-Akustikgitarren interessiert. Auf einem Vintage-Internetportal wird die Collectibility-Rate der Kingman, also ihre Sammlungswürdigkeit, in einem von A bis F reichenden System mit einem glatten F bewertet, also der schlechtest-mögliche Wert. Damit steht die King/Kingman auf einer Stufe mit der Musicmaster, und zwar der Billigvariante dieses Einsteigermodells mit nur einem Pickup... Die Fender Kingman ist also nicht mehr als eine Fußnote in der langen, erfolgreichen Fender-Historie, und das trotz ihrer interessanten Geschichte und ihrer durchaus vorhandenen Qualität und Individualität. Das ist durchaus bemerkenswert.


Was die Fender-Company von heute aber nicht abhält, diverse Versionen der Kingman neu heraus zu bringen. Gut so, denn vielleicht ist die Zeit für solch ein Design heute reifer als damals. Die neuen Kingman sind jedoch, auch wenn sie die Fender-E-Gitarren-Kopfplatte tragen, wie übliche Akustikgitarren gebaut - mit einer verleimten Dovetail-Hals/Korpusverbindung und ohne den für den Kingman-Sound so wichtigen Broomstick. Auch das Elvis-Signature-Modell, das mit Presleys Familie zusammen herausgegeben wird, ist so gebaut. Doch neulich wurden einige limitierte Reissue- und Custom-Shop-Gitarren wieder mit geschraubten Hälsen vorgestellt, wobei hier allerdings ebenfalls auf den Broomstick verzichtet wurde. Dieses Mal scheinen sie die Stabilität der Hals-/Korpusverbindung also in den Griff bekommen zu haben.

OUTRO

Die Fender-Rossmeisl-Verbindung hielt bis etwa 1970. Solange sollten auch die Fender Akustiks im Firmenkatalog bleiben. Ehe Rossmeisl zurück nach Deutschland kam, entwickelte er für seinen Arbeitgeber die Thinline Telecaster und die LTD- und Montego-Jazz-Gitarren. Roger Rossmeisl, gezeichnet von einem langjährigen Alkoholproblem, starb 1979 im Alter von 52 Jahren in Berlin.

 

Fotos der letzten Bilder-Reihe: Dieter Stork (Musik Media)


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